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News - Oberlausitzer Kunst

Schriftstellerin Jana Thiem - NEU - ab…

Jana Thiem alias Frida Luise Sommerkorn schreibt Liebes-, Familien- und Kriminalromane. Dabei sind ihre Geschichten...

Ausstellung in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda

Trotz schwieriger Zeiten ist in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda wieder eine neue Ausstellung zu sehen.

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kodekü - KOLLISION DER KÜNSTE / Residenz

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Geschriebenes & Erzähltes

In geheimer Mission - Teil 2

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... Wo es nur ging, beobachtete ich sie. Ich schoss sogar Fotos und machte mir Unmengen an Notizen. Schon bei den ersten Schießübungen wurde mir klar, das konnte nichts werden. Abgesehen davon, dass sie sowieso nicht trafen, ruckelten sie ewig herum, bis sie endlich die richtige Liegeposition gefunden hatten.

Dann hatten sie vergessen, den Unterstützungsriemen am Oberarm einzuhaken, das Magazin steckte nicht richtig im Gewehr, die Patrone hatte sich beim Repetieren verklemmt oder, was es niemals bei Männern gegeben hätte, die Haare störten, so dass sie sich die Locke erst hinter das Ohr schieben mussten, bevor sie die Scheiben ins Visier nehmen konnten.

Und diese Lautstärke! Ständig gackerten sie los, wenn ihnen etwas nicht gelang oder sie doch mal getroffen hatten. Die Trainer kamen mir wie zwei Schäferhunde vor, die ihre Schäfchen beieinander halten mussten. Das Wort „Ruhe“ bekam selbst für mich eine völlig neue Bedeutung. Die kehrte erst wieder ein, wenn dieser Hühnerhaufen das Training beendet und sich auf den Weg in ihr Haus gemacht hatte.

Und das war das einzig Gute: die Grazien bewohnten ein eigenes Haus. Es gab also doch noch so etwas wie eine weiberfreie Zone. Die Jungs wohnten im vorderen Komplex, in dem sich auch die Trainerzimmer befanden.

Tage und Wochen zogen ins Land. Den ganzen Sommer über hatte ich genug Material gesammelt. Natürlich machten sie Fortschritte, was mich sehr beunruhigte.

Am meisten aber quälte ich mich mit der Erkenntnis, dass sie ihre Raffinesse einsetzten, um sich bei den Jungs einzuschleimen. Ich konnte es mir nicht anders erklären. Denn die verstanden sich alle prächtig. Niemand schien den guten alten Zeiten nachzutrauern. Es war zum Heulen.

Als ich endlich genug Beweismaterial zusammen hatte und meine Beschwerde einreichen wollte, hob sich der Eiserne Vorhang. Wohin jetzt mit meinen Bedenken?

Nun wollte sich jeder erstmal um sich selbst kümmern. Was tun mit der neu gewonnenen Freiheit? Welche Wege konnten eingeschlagen werden? Niemand achtete mehr darauf, was die Weiber taten. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, da vermeintlich wichtigere Dinge anstanden.

Aber ich gab meine Mission nicht auf. Die ganze Sache hatte nur einen Haken. Ich hatte nicht bemerkt, dass die Damen mir auf die Schliche gekommen waren.

Wenn ich sie beim Schießen aus den Augenwinkeln beobachtete, drehten sie plötzlich alle ihre Köpfe in meine Richtung und stierten mich mit ihren unschuldigen Augen an. Musste ich im Kraftraum nach dem Rechten sehen, begannen sie in ihren knappen Outfits mit Verrenkungen, dass einem schwindelig werden konnte. Oder bildete ich mir das alles nur ein?

Dann dieses Tuscheln! Ständig hörte ich es zischeln, sobald ich in ihre Nähe kam. Es machte mich ganz rasend. Aber ich wollte meine Mission nicht aufgeben. Ich konnte nicht, würde ich doch meinen Frieden erst wiederfinden, wenn sie aus meinem Leben verschwunden waren.

Und nun war es also soweit. Nicht sie verschwanden, sondern ich würde gehen. Um mich war es nicht schade. Wer oder was erwartete mich schon auf dieser Welt! Aber was wurde dann aus meinem Auftrag? Ich musste doch die Biathlon-Männerwelt retten! Das wollte ich bei meiner letzten Observierung auch tun. Genau dabei kam es doch ans Licht, dass ich recht hatte.

Ich war gerade in der Waffenkammer zugange, als ich das Geschnatter hörte. Schnell hatte ich mich zwischen Schrank und Wand geklemmt, in der Hoffnung, dass sie mich nicht sehen würden.

Ihr Plappern ließ auch nicht nach, als sie begannen, die Waffen zu reinigen. Und dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Zuerst spürte ich die wohlige Ruhe, die direkt entstand. Dann den Schmerz und danach die Schwärze.

Wieder hörte ich ihr Gezeter, aber diesmal berührte es mich nicht. Ich war ihnen entkommen. Den Flintenweibern, meinen Schwestern, der Mutter, und fand endlich die Ruhe, nach der ich mich so sehnte.

Diese Geschichte widme ich den Biathletinnen, die mit mir (damals Jana Richter) durch die spannende erste Zeit im Damenbiathlon gegangen sind: Katrin Bräuer, Jana Englert, Heike Richter, Carmen Schindler, Ilka Schneider, Katrin Cruschwitz, Kerstin Fuchs und Silvia Kaden. Und den beiden tapferen Trainern Horst Koschka und Wolfgang Sturm, die es mit uns Frauen aufgenommen und uns für diesen Sport begeistert haben. Ich bin sehr froh, dass aus den belächelten Flintenweibern eine anerkannte und erfolgreiche Sportart entstanden ist.